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Wilhelm Wagenfeld:
Gedanken und Erfahrungen des Formgestalters



Buch:
„Gestaltete Industrieform in Deutschland.“
Eine Auswahl formschöner Erzeugnisse auf der Deutschen Industrie-Messe Hannover 1954.
Econ Verlag GmbH, Düsseldorf 1954
Artikel: Seite 35-42 von Wilhelm Wagenfeld „Gedanken und Erfahrungen des Formgestalters“

„Prof. Wilhelm Wagenfeld
Gedanken und Erfahrungen des Formgestalters


1
Häusliche Gegenstände genügen erst dann ihrer Bestimmung, wenn sie sich still zum Ganzen fügen und so uns dienen können. Wir wollen doch leben mit diesen Dingen und uns freuen an ihnen. In unserer nahen und nächsten Umwelt wünschen wir so den Stuhl, die Lampe, das Geschirr und Besteck, wünschen wir, daß jedes schön sei im Brauchen, schön anzufühlen und anzusehen. Ein eigentlich nicht Erklärbares soll von den Dingen ausgehen und unbemerkt unserem Wohnen Ruhe geben und Beglückung.

2
Übersehen wir nicht die gesellschaftliche Wirkung der Industrieware, ihren Einfluß auf Denken, Empfinden und Tun der Käufer, Verkäufer und Hersteller.
Im Schlechten wie im Guten weckt jedes Erzeugnis vielerlei Vorstellungen und Ansprüche. Umgang mit den Dingen ist wie der mit Menschen. Er kann anregen, fördern, aber auch lähmen und abstumpfen, er kann Halt geben und Haltung aber auch zerstören. Aus Lust und Liebe am Werk danach zu handeln ist jene industrielle Verantwortung, die wirtschaftliche Erwägungen umfassender und weitreichender abzeichnet und die als Wille zur Qualität dem Unternehmen Inhalt und Stärke gibt.

3
Industrieerzeugnisse entstehen nicht in der Abgeschlossenheit von Atelier und Werkstatt, sondern in Fabriken als gemeinsame Leistung aller am Werk Beteiligten. Kunstwerke entstehen so nicht. Dennoch sprechen wir hierbei vom künstlerischen Beitrag, um anders nicht Erklärbares begrifflich zu umreißen. Je stärker der künstlerische Beitrag sein kann, desto mehr wird er das Werksergebnis ausprägen und charakterisieren. Künstlerisch in den Fabriken mitwirken heißt dafür: mitdenken, mitrechnen, mitplanen, die Fabrikation kennen wie den Handel und den wirklichen Bedarf der Käufer. Formgeben ist dann: in solcher Enge der Gegebenheiten das Schöne erträumen das werden und sein kann. Nicht die Zeichenmaschine ist die Geburtsstätte neuer Geräte, sondern die Modellwerkstatt, der Platz, wo nach ersten Notizen in Ton, Gips, Holz, Metall und Kunststoffen das Gewollte ertastet wird, es gefeilt, gesägt, modelliert, geschnitten und geschmiedet wird. Wie im ersten Spiel wird die Idee hier greifbare Form und damit der erste Anhalt für die an der Sache Interessierten. Nunmehr kommen die Einwendungen hinzu, jene Beiträge der Techniker, Kaufleute und Meister, die oft von beengender Realität sind, und ohne die dennoch das Neue nicht werden kann. Das soll nicht heißen, daß Kaufmann oder Techniker Formgeber sein könnten oder hierin entscheiden. Hieraus wäre das Ergebnis nicht anders, als wenn Künstler in der Industrie die technische oder kaufmännische Verantwortung tragen: ein sicherer Bankrott, nur kommt diese Konkursmasse nicht unter den Hammer, sondern als „Geschmack des Publikums“ in den Handel.
Aber sehen wir das Formgeben richtig! Es ist keine Hüllenmacherei, keine Attraktion, keine Dramatisierung von Industrieerzeugnissen für das Publikum, sondern ein stilles Schöpfen und Bilden. Was ist das Neue, das wir erstreben? Vielleicht ein Gerät, das wir alle brauchen, so schön, einfach und nützlich, daß wir es gar nicht merken, oder auch so festlich, daß sein Glanz wie Licht ist im Taumel der Freuden. Und ein Apparat, so selbstverständlich und simpel, daß wir glauben möchten, unsere Vorväter hätten ihn schon gekannt. Bei allem dürfen wir nie nachdenken müssen, ob die Dinge aus Werkstatt oder Fabrik kommen, von der Hand oder von der Maschine.
Erst recht aber darf kein Industrieerzeugnis nach dem Entwurf schmecken, nicht nach Kunst im abgebrauchten Sinn des Wortes. Aber neben einem wirklichen Kunstwerk bestehen können, da nicht laut sein, nicht auffallen und stören, ist schon viel verlangt. Suchen wir einmal nach Vorhängen aus Textilem oder Kunststoff, nicht einfarbig, die dennoch das Bild an der Wand nicht erdrücken. Suchen wir nach einer Beleuchtung, die nicht den Raum behauptet für sich, nach einem Radiogerät, das nicht wie ein Prunkmöbel oder Filmrequisit sich aufdrängt - das einfach da ist. Das zu erreichen: das Einfach-da-sein-Können, das stille Zugehören der Dinge ist wohl eine große Aufgabe industrieller Formgebung.

4
Formgeben, Gestalten der Dinge sollte vom Gebotenen nur ausgehen, um darüber hinaus zu führen in Neues, Unbekanntes. Nicht das Formgeben ist der Anfang, sondern die Idee dafür, die Inspiration. Es ist ein billiger Trug, zu glauben, daß alles schon einmal dagewesen sei, jede Form einer Kanne, einer Schale oder Schüssel. Unser Formvermögen ist so unerschöpflich wie die Natur. Kein Blatt an einem Baum ist da dem anderen gleich. Keine Blume wiederholt mit ihren Blüten die nächste neben ihr, und auch keine Vogelstimme gleicht der anderen wie ein Echo. Nur müssen wir endlich die allzulang wie in Katechismen gehüteten Vorstellungen von Zweck- und Materialgerechtigkeiten überwinden. Denn nichts ist in Wahrheit nötiger, als Zweck und Materie so zu beherrschen, daß beide uns fügbar sind wie Ton in der Hand des Töpfers. Ist doch der Zweck nicht mehr als ein Nebensächliches, ein Anhalt, der meßbar und aufschreibbar ist. Zweckmäßig muß der Blechtopf des Soldaten sein zum Essenfassen. Aber Brauchen sagt mehr, es erklärt die mannigfaltigen Beziehungen des Menschen zu den Dingen, mit denen er ißt, wohnt und lebt. Mit dem Brauchen beginnt die Kultur, die Überwindung des Zweckdaseins. Brauchen ist deshalb nicht nur ein Alltägliches, sondern ebenso und unter anderen Voraussetzungen das Ungewöhnliche und Besondere, mit einem leicht mißverständlichen Wort gesagt also auch das Repräsentative.

5
Die „Wanderniere“ ist bestimmt kein schönerer Tisch als die von unseren Philistern so heiß geliebte Chippendale-Nachbildung, und mit Abziehbildern bunt beklebte Rokoko-Vasen sind nicht unsinniger als der asymmetrische Nippes von heute. Was aber ist das wirklich Bessere, das Vollkommenere und Schönere an industriellen Erzeugnissen? Vielleicht ein Stuhl aus einer Fabrik oder Werkstatt, so neu und mit so viel Liebe und Gründlichkeit gemacht, daß gar nicht auffällt, wie sehr er ganz in unsere Zeit gehört. Vielleicht ein Besteck, Porzellan oder Glas, so neu in jeder Hinsicht und so schön zu fassen und anzusehen, als wenn es schon immer gewesen wäre.
Qualität ist etwas Inwendiges bei den Fabrikerzeugnissen. Nicht die Form allein sagt darüber aus, sondern alle Arbeit, die sichtbare und die nur spürbare, die sein mußte, um den Stuhl, das Geschirr oder Besteck zu schaffen. Qualität so gesehen, braucht den ganzen Menschen, braucht Begeisterung und gutes Wollen aller Beteiligten. Qualität ist darum nicht Leistung der Formgeber, sondern Leistung der Fabrik, ist das schöne Ergebnis des guten Zusammenspiels aller am Werk Beteiligten. Der Kaufmann ist da so wichtig wie der Betriebsleiter, der Techniker, Wissenschaftler, Meister und Arbeiter. Wo ein vollkommenes Zusammenspiel nicht sein kann, da geht auch jedesmal ein spürbarer Riß durch das Erzeugnis solcher Fabrik. Seine Form mag noch so gut gelungen sein, die Arbeitsspuren verraten, daß sie nur fremde Hülle ist. Denn die Ausführung kann nicht vollkommen werden, wo die Übereinstimmung und völlige Bejahung daraus fehlt. Oft genug ist ein „schlichter, formschöner“ Gegenstand so langweilig nackt, daß jeder nichtssagende Zierrat ihm besser stände. Je einfacher ein Industrieerzeugnis sein soll, desto schwieriger sind die Voraussetzungen dafür zu erfüllen. Ist doch Einfachheit jene Simplizität, die nur am Anfang und am Ende sein kann, nur aus der Unbefangenheit, die wir von Kindern wissen und aus der Klarheit, die jedes Wollen und Zwingen überwunden hat.

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„Zitronenpressen gibt es gerade genug. Es sind Pfennigartikel, die viel Arbeit machen und nichts einbringen“ sagte ein Kaufmann zu mir, als ich ihm von unseren Glasversuchen erzählte. Weil er ganz in seinem Fach steckte und an Zitronenpressen dachte, wie sie in schlechter Ausführung als billige Glaswaren überall zu finden sind, war seine Auffassung durchaus richtig. Man konnte keines der Geräte, an die er dachte, auf den Eßtisch stellen. Eines wie das andere tat auf recht unwirtschaftliche Weise als notwendiges Übel in der Küche seinen Zweck, wenn man vorsichtig damit hantierte, um das gratig-billige Preßglas nicht abzusplittern. Uns lag daran, eine neue Zitronenpresse als schönes und glastechnisch sauber durchgeführtes Glasgerät in den Handel zu geben. Im Garten und in der Wohnung sollte sie auf dem gedeckten Tisch ihren Platz haben können. Wir befaßten uns auch gründlich mit dem Gebrauch der Zitronenpressen, die es gab, und entdeckten dabei viel Verbessernswertes. So kamen wir darauf, in den Reibkegel an Stelle der gleichseitigen und gleichwinkligen Keilschnitte, ungleichseitige und ungleichwinklige sägeförmige einzuschneiden. Solche Versuche wurden zuerst an einem Gipsmodell gemacht. Das Modell wurde präpariert und dann erprobt. Uns lag daran, eine Zitronenpresse aus Glas organisch zu entwickeln. Hierfür mußte auch die Schale, in die der Saft tropfen sollte, gut durchgearbeitet werden. Der Griff sollte handlich sein und der Ausguß beim Gebrauch nicht tropfen. Während des Modellierens kamen wir noch darauf, durch eine kleine Nase am Oberteil, dem Reibkegel, und eine passende Kerbe an der unteren Schale beide Teile ineinanderzuklammern und so den Gebrauch des kleinen Hausgeräts zu vereinfachen. Für die Herstellung solcher Glaserzeugnisse ist nur die Preßtechnik geeignet. Als das Gipsmodell fertig war, kam es aber nicht gleich in die Formwerkstatt des Werks. Wir behielten es noch, um nach genügendem Zeitabstand zu sehen, ob nicht dieses oder jenes an ihm zu verbessern war. Erst dann wurden die Preßformen angefertigt und im Werk die ersten gläsernen Versuchsstücke hergestellt. Beim praktischen Erproben der ersten fertigen Zitronenpressen stellte es sich heraus, daß unser neues Muster viel ausgiebiger die Zitrone ausnützte, als die uns vorher bekannten, weil das Fleisch der Frucht bis auf die Schale völlig aufgerieben wurde. Die Schlitze am Tropfsieb mußten deshalb geändert werden. Gleichzeitig wurden noch andere Verbesserungen der fertigen Form durchgeführt, bevor das neue Muster in den Handel gelangen konnte. Eine so gründliche Vorarbeit ist bei jedem Industrieerzeugnis notwendig, wenn es seinen Zweck und seinen Sinn richtig erfüllen soll.

7
Planen und Entwickeln ist auch in Fabriken für Gebrauchsgüter der wichtigste Abschnitt der Arbeitsvorbereitung. Je gründlicher, umsichtiger und vielseitiger hierbei vorgegangen wird, je mehr in weiteren Stadien die nachher an der Herstellung Beteiligten hinzugezogen werden, desto sicherer gelingt es, zu abgerundeten Ergebnissen zu kommen. Dazu wirkt der Entwicklungsprozeß klärend wie im Weinbau nach der Kelter die Gärung. Man könnte befürchten, die künstlerische Intention, das intuitiv Gewollte würde hierbei zerrieben, ginge verloren im Hin und Her der Aussprachen mit Kaufleuten, Fabrikleitern, Technikern und Meistern der Abteilungen. Dem ist jedoch im Gegenteil zu antworten, daß solch ein Zusammenspiel der Kräfte nicht fehlen darf, damit das individuell Künstlerische in das Werksgeschehen eindringen und darin aufgehen kann. Denn das Resultat aus dem Entwicklungsprozeß, das produktionsreife Industriemodell und die dazugehörigen Werkzeichnungen sollen ja weniger ein Individuelles verkörpern, als vielmehr die Schöpfung einer Industriegemeinschaft. Darin unterscheidet sich die Industriearbeit von der des Handwerkers und von der abgeschlossenen des Künstlers in seinem Atelier.

8
Für jeden, der sich in den Produktionsstätten für seine Aufgabe mit der gesellschaftlichen und kulturellen Bedeutung der Gebrauchsgüter befaßt, ist das „Materialgerechte“ und „Zweckgerechte“ keine Richtung seiner Arbeit, sondern eine Voraussetzung. „Materialgerecht sein“ heißt dann, jedesmal die Materie so zu durchforschen, zu durchleben, daß ihre Eigenart und die Möglichkeiten sie zu verwenden, wirklich erkannt und dann auch ausgenutzt werden. Ebenso ist eine Sache erst dann „zweckgerecht“, wenn sie derart vollkommen wurde, daß uns ihr Zweck nicht auffällt. Wir wollen doch mehr als nur den Zweck, mehr als nur die Funktion von Haus, Möbel und Gerät. Im Hause wollen wir nicht allein die Wärme, die vom Ofen kommt und die Geborgenheit, die das Dach uns gibt. Aus dem, was unsere Sinne empfinden, erwarten wir beides. Auch genügt uns nicht eine Sitzgelegenheit, wie brauchen den Stuhl, der einlädt und einladend sein kann. Aber erst recht wollen wir auf unserem Tisch keinen Zwecktopf und kein Zweckgerät. Denn um den Tisch sitzen wir zum Essen, zu einer Gemeinsamkeit, die nach dem Warum und Wofür nicht fragt.
Gewiß soll jedes Ding, womit wir uns umgeben, auch seinen Zweck erfüllen. Aber wir brauchen mehr von ihm, damit es gut ist, unserem Leben zu dienen. Wo Haus, Möbel und Gerät unsere Welt sind, da wurden sie Teil unseres Selbst. Die Dinge verbinden sich mit uns so fest und so locker, wie wir mit ihnen verwachsen. Nicht nur den Zweck. Es gibt über ihn hinaus noch ein anderes, was von der Form her Inhalt ist und die Materie zum Leben weckt. Hinzu kommt das Zeit- und Menschengebundene, das die Dinge uns nahe oder fremd und fern sein läßt. Wie wir von einer alten Kanne gut erkennen, welche Bewegungen und Strömungen der Zeit auf den Meister eingewirkt hatten, welchen er gedankenlos folgte und wo Einflüsse in ihn übergingen, so zeigt uns nicht
anders ein Fabrikerzeugnis, wes Geistes Kind der Hersteller sein kann. Auch sehen wir an einer Werkstattarbeit, einem Stuhl oder Tisch ebenso wie an dem Geschirr einer Porzellanfabrik sehr schnell, auf welcher Ebene die Dinge gedacht worden sind und auf welcher dann die Ausführung sein konnte.
Und nicht immer ist dabei der Entwurf das Bessere. Dabei ist das Fabrikerzeugnis ein anderes als das aus den Werkstätten; in weiterer Entwicklung ist es kaum noch mit ihm zu vergleichen. Nicht unpersönlich wurde es, sondern abseits und auf neuen Wegen der Industrie eher wie ein Eigenes, aus sich selbst geworden und in sich selbst ruhend.
Um so viel störender tritt dann gerade bei Erzeugnissen der Industrie jedes unbeteiligte, gleichgültige Mittun hervor. Hier sind die Probleme, die wir zu klären haben, hier die Aufgaben, die durch uns gelöst werden sollten: das Zusammenwirken der künstlerischen, wirtschaftlichen und fabrikatorischen Kräfte als gesellschaftliches und geistiges Geschehen.“

Abstand



Erstellt am 19.8.2026